Klassik, Pop et cetera



Ein Beitrag von C. Ulrich Sauter

So heißt eine beliebte Radiosendung des Deutschlandfunks, in der jeden Samstag Künstler aus dem Bereich der klassischen Musik, des Jazz oder der Popmusik eine Stunde lang ihre geheimen Lieblingsplatten auflegen und über ihr Leben plaudern dürfen. Das Reglement dieser Sendung verlangt aber, wie der Titel schon sagt, dass es ein musikalischer Streifzug quer durch die Musiksparten sein sollte, Popmusiker müssen also auch klassische Stücke vorstellen und umgekehrt.

Als langjähriger Hörer dieser Sendung fiel mir dabei etwas ganz Merkwürdiges auf: Musiker aus dem Lager der Klassik legen, je nach Jahrgang, irgendetwas zwischen den Beatles und Barbara Streisand auf, während die Rockmusiker bevorzugt ein kleines Stücklein von Bach oder Mozart aussuchen, um gleich danach wieder in ihr eigenes Genre zu gehen. Ich habe den Verdacht, dass die Mauer zwischen der sogenannten E− und U−Musik unter den Musikern viel höher ist als bei der Hörerschaft und dass ein "cross−over", das in den 70er Jahren noch richtig Mode war, heute so gut wie nicht mehr stattfindet. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein klassisch orientierter Musiker in dieser Sendung eine Platte aus dem Bereich der Popmusik vorgespielt hat, die auch nur den Hauch von Insider−Kenntnis verriet − und umgekehrt! Die beiden Welten scheinen sich gegenseitig fast nicht wahrzunehmen ...

Obwohl die klassische Musik tief und monopolartig in der musikalischen Ausbildung an Schulen und Konservatorien verankert ist, bewegt der prozentuale Anteil des Verkaufs von Tonträgern der Musik, die dort gelehrt wird, im unteren einstelligen Bereich. Spiegelbildlich dazu zeigt sich der Anteil von Musiklehrern, die in der Lage und willens sind, Pop− oder Jazzmusik zu unterrichten. Das ist, wie man heute sagt, nicht kompatibel! Beim Klavierunterricht ist dies besonders krass: Tausende von Klavierlehrern unterrichten ihren Schülern eine Musik, die diese mehrheitlich einfach nicht zu mögen scheinen. So lässt sich die oft nur kurze Verweildauer im Klavierunterricht vielleicht erklären.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie wollten Italienisch lernen, aber im Unterricht würde man Ihnen so lange nur Latein lehren, bis Sie in der Lage wären, sich die italienische Sprache selbst beizubringen. Sicher würde dadurch Ihre Allgemeinbildung deutlich angehoben, aber wie viele würden das durchhalten? Dieses strikte Beharren auf der klassisch orientierten Grundlage hat den Klavierunterricht immer mehr auf das trockene und mühselige Übertragen der geschriebenen Noten auf die Tastatur reduziert, jedenfalls in den Augen der Kids von heute, die schon vor der Einschulung an ihrem individuellen Musikgeschmack feilen und sich Kylie Minogue oder U2−Poster an die Wand hängen. Die Mauer scheint zu wachsen ...

Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie viele Klaviere wir verkaufen dürften, wenn es den jungen oder auch älteren Klavierschülern erlaubt wäre, einfach "ihre" Musik zu spielen. Darum geht es aber auch nicht in erster Linie, aber stellen Sie sich vor, dass der Klavierunterricht nicht die dröge Fortsetzung der Schule, sondern echt "cool" wäre und auch noch die Voraussetzung für ein fetziges Konzert bei der nächsten Party schaffte. Mit einer kleinen Clementi−Sonatine bringt man das nicht wirklich ...

Liebhaber und Lehrer klassischer Musik mögen mir diese Betrachtung verzeihen, es wird doch immer Klavierschüler geben, die mit Talent und Musikalität ihren Weg in die klassische Musik finden und die zu unterrichten, dem Lehrer Freude und oft auch Erfüllung geben. Aber auf der Suche nach dem überragenden Talent unter den Klavierschülern darf man die Bedürfnisse der Durchschnittlichen und die Faulen nicht vernachlässigen oder diese gar nach Hause schicken wollen. Auch Klavierunterricht ist eine Dienstleistung und der zahlende Kunde sollte König bleiben, sonst verschließt er seinen Geldbeutel.

Ein wenig vom Sockel der ewigen Werte und des universellen Anspruches der sogenannten "ernsten Musik" würde ich die Klavierpädagogen gerne locken wollen. Ich bin überzeugt, dass sich der "Grenzzaun" zwischen "guter" Klassik und "seichter" Unterhaltungsmusik auf Dauer nicht halten wird und die Nützlichkeit einer solchen Trennung war seit jeher fragwürdig. Es geht nicht nur darum, die Verbreitung des Klavierspielens zu fördern, sondern auch um das Gedeihen des Berufsstandes der Klavierlehrer. Wir sehen es schon heute, wie schnell die städtischen Musikschulen finanzielle Not leiden und in ihrem Fortbestand bedroht sind, wenn sie vom Tropf der staatlichen Unterstützung genommen werden. Spätestens dann gilt die harte Wirklichkeit von Angebot und Nachfrage, die in anderen Bereichen der Musik schon längst gilt: zum Beispiel bei den Tonträgern ...

Das meint Ihr nachdenklicher

C. Ulrich Sauter
www.sauter-pianos.de

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